Wenige Wochen vor der Verleihung des Europäischen Dramatiker:innen Preis an die britische Autorin Caryl Churchill entschied sich die fünfköpfige Jury, ihre Entscheidung zurückzuziehen und den Preis in diesem Jahr überhaupt nicht zu verleihen. Grund dafür seien die öffentliche Solidarisierung Churchills mit dem palästinensischen Aufruf für Freiheit und Gerechtigkeit sowie ihr Theaterstück “Seven Jewish Children” (“Sieben jüdische Kinder”), welches laut der Jury “antisemitisch wirken kann”.

 

Dieses Stück wurde 2009 veröffentlicht nach einer dreiwöchigen militärischen Operation im Gazastreifen, in der über 300 Kinder durch Bombardements der israelischen Armee ums Leben kamen. 

 

In den letzten Jahren erlebten wir immer wieder, wie Kolleg:innen und Menschenrechtsaktivist:innen in Deutschland aufgrund ihrer Positionierung gegen die israelische Besatzungspolitik als “Antisemiten” bezeichnet und dementsprechend sanktioniert und diskreditiert wurden. 

 

Bevor die deutsche Öffentlichkeit, die Deutungshoheit über den Begriff “Antismitismus” erobert und darüber bestimmt was alles “antisemitisch wirken kann”, möchten wir erneut die Frage stellen, ob der Hinweis auf die Lage im isolierten Gazastreifen und ob die Unterstützung von Menschenrechten in der Tat antisemitische Aktionen sind.

 

“Seven Jewish Children” ist unserer Meinung nach ein anspruchsvolles und komplexes Werk, das nicht einfach als antisemitisch abegestempelt werden kann. Eine offene Gesellschaft muss in der Lage sein, kontroverse politische Diskussionen, in denen gegensätzliche Positionen vorkommen, auszuhalten. Als Theatermacher:innen sehen wir uns einer achtsamen Lektüre eines Textes verpflichtet, um ihn ernsthaft diskutieren zu können. Deshalb haben wir uns in Absprache mit Caryl Churchill dafür entschieden - vor dem Hintergrund der oben geschilderten Ereignisse - ihrem Stück “Seven Jewish Children” eine Stimme zu schenken, in der Hoffnung, eine differenziertere Perspektive auf das Thema gewinnen zu können.

 

#StandingWithCarylChurchill

Vorsicht mit Antisemitismus-VorwurfDeutschlandfunk Kultur
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