FAUST (HAB’ ICH NIE GELESEN): ÜBER MEIN MÜHSAMES DEUTSCHWERDEN

Noam Brusilovsky / SWR2-Magazin

Tue Nov 01 2022 11:00:00 GMT+0000 (Coordinated Universal Time)

»Was inszenierst du als Nächstes?«, fragt mich eine befreundete Kollegin und lacht mich aus, als ich ihr erzähle, dass ich eine Hörspielinszenierung des »Faust« vorbereite. »Jetzt, wo du deutsch geworden bist, darfst du es tun«, meint sie augenzwinkernd.
Nach zehn Jahren Aufenthalt in Deutschland erhielt ich im vergange- nen Jahr die deutsche Staatsbürgerschaft. Seit dem Jahr 2020 müssen Israelis, die sich in Deutschland einbürgern lassen, nicht mehr auf die israelische Staatsbürgerschaft verzichten. Dieses Wiedergutma- chungsprivileg ermöglicht es mir, eine offene Beziehung mit dem deutschen Staat zu führen. Für mich das Richtige, da ich mich bisher nicht vollständig deutsch fühle.
Wem gehört der »Faust«, und wer darf ihn inszenieren? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt meines neuen Hörspiels »Faust (hab’ ich nie gelesen)«. Ich habe ihn tatsächlich nicht gelesen und werde es bis zur Sendung auch nicht tun. Denn in dieser Arbeit beschäftige ich mich mit dem Nichtlesen dieses identitätsstiftenden Werks. Obwohl ich ständig versuche, mich dagegen zu wehren, scheint das Deutschwer- den nach so vielen Jahren hier ein unvermeidbarer, schleichender Prozess zu sein. Ich bin mir nicht sicher, ob ich darauf vorbereitet bin und habe deshalb Angst, dass die Lektüre des »Faust« diesen Prozess nur beschleunigen wird.